«Hungerblockade» schnürt Hauptstadt ein

Aargauer Zeitung 24.04.2002

Madagaskar Streit bedroht Kompromiss von Dakar

Auch fünf Tage nach einem Treffen der politischen Gegner Didier Ratsiraka und Marc Ravalomanana verharrt Madagaskar in der Krise. Bisher hat Präsident Ratsiraka sein Versprechen nicht eingelöst, die Strassensperren aufzuheben.

Christoph Link

Eine Insel mit zwei Präsidenten, der alte regiert in der Provinz und der neue in der Hauptstadt Antananarivo. Seit Monaten ist das der Status von Madagaskar, und erst ein Treffen des Amtsinhabers Ratsiraka und des selbst ernannten Präsidenten Ravalomanana vergangene Woche in Dakar im Senegal schien die Krise zu lösen. Ravalomanana hatte versprochen, den Präsidententitel vorläufig nicht mehr zu gebrauchen, wie er dem Radiosender BBC erläuterte. Dafür wird die Präsidentenwahl von Dezember 2001, bei der sich Ravalomanana betrogen fühlte, in den umstrittenen Wahlbezirken neu ausgezählt.

An diese Aufgabe haben sich jetzt sechs Mitglieder eines wieder eingesetzten Obersten Verfassungsgerichtshofs gemacht. Sollte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit haben, dann tritt ein «Plan B» in Kraft: Eine Übergangsregierung aus beiden Lagern wird gebildet, und sie wird die 15 Millionen Madegassen über die Präsidentenfrage erneut abstimmen lassen.

«Wir erwarten seine Anweisungen»

Aber so weit ist es nicht. Es droht vielmehr ein neuer Streit um den Kompromiss von Dakar, da die «Hungerblockade» der Anhänger von Ratsiraka gegen die Hauptstadt Antananarivo und das madegassische Hochland noch nicht aufgehoben worden ist. Das Ende der Strassensperren, die der Kapitale die Versorgungsader zur Hafenstadt Toamasina abschnürt, war von Ratsiraka in Dakar versprochen worden. Erbost hatte Ravalomanana jetzt von ihm die «sofortige Aufhebung der Sperren» verlangt, sonst sei die Vereinbarung hinfällig. Doch der 67 Jahre alte Präsident Ratsiraka befindet sich - wie so häufig - auf einer privaten Frankreichreise. Wann er wieder auf die Insel zurückkehrt und mit seiner Sondermaschine auf dem Provinzflughafen Toamasina landet, ist unbekannt. Ohne seine Präsenz bewegt sich nichts in seinem Lager. «Es kommt nicht infrage, dass wir die Sperren vor der Rückkehr des Präsidenten aufheben. Wir erwarten seine Anweisungen», berichtete Samuel Lahady, der loyale Gouverneur der Ratsiraka-Hochburg Toamasina der Agentur AFP. Beobachter meinen gar, dass die «Falken» unter den Provinzgouverneuren mit dem Kompromiss von Dakar unzufrieden sind und ihn torpedieren wollen.

Künstliche Lebensmittel-Verknappung

Rund eine Million Einwohner der Hauptstadt müssen also weiterhin mit der Blockade leben. Ein Lebensmittelengpass vor einigen Wochen geht nach Meinung vieler Madegassen auf das Konto von skrupellosen Schwarzmarkthändlern, die eine künstliche Verknappung herbeiführten. Mit Gemüse und Grundnahrungsmitteln kann sich die Hauptstadt halbwegs aus dem Umland versorgen. Empfindlich eingeschränkt ist allerdings die Reisefreiheit. Die Tankstellen sind geschlossen. Ein Liter Benzin auf dem Schwarzmarkt kostet umgerechnet 2.50 Euro (15 000 Madegassische Franc). Seltsamerweise sind die Preise in den letzten Wochen um die Hälfte gefallen, sie lagen einst bei 5 Euro.

Allein für Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr hält die Hauptstadt noch eine Benzinreserve bereit. Vorläufig funktionieren die Telefone sowie die Strom- und Wasserversorgung von Antananarivo noch. Doch endet die politische Krise nicht bald, dann droht ein ökonomisches Desaster für alle 15 Millionen Madegassen. Laut Schätzungen fallen spätestens Ende Mai die Wasserkraftwerke aus, die für ihren Betrieb auch etwas Diesel brauchen. Dann gehen auf der ganzen Insel die Lichter aus.