Madagaskar stürzt ins ChaosGericht erklärt Ergebnis der Präsidentenwahl für ungültig. Kampf um die Macht ist entbrannt Die WELT - 19.04.2002 Von Thomas Knemeyer Der charismatische Oppositionsführer Ravalomanana (52) behauptet, bei der Präsidentschaftswahl die absolute Mehrheit errungen zu haben. Im Stile eines Robert Mugabe habe Ratsiraka (65) das Wahlergebnis jedoch massiv gefälscht und sich schließlich "großzügig" zu einer Stichwahl bereit erklärt. Aber der Altstalinist, der die Wirtschaft des Landes von 1975 bis 1993 schwer zerrüttet hatte und damals sogar ins Exil nach Frankreich flüchten musste, hatte den Zorn des Volkes unterschätzt: Wochenlang gingen Hunderttausende Madagassen in der Hauptstadt Antananarivo ("Tana") auf die Straßen und forderten Ratsiraka, der 1996 knapp die Wahl gewonnen hatte, zum sofortigen Rücktritt auf. Im Februar musste sich der Autokrat in die Provinzhochburg Tamatave zurückziehen. Nachdem ihm weite Teile der Armee die Gefolgschaft verweigerten, verlegte sich Ratsiraka darauf, die Hauptstadt im Stile eines mittelalterlichen Kriegsfürsten zu isolieren: Seine Terror-Trupps sprengen Brücken und liefern sich zunehmend blutige Gefechte mit den regulären Militärs. Die Bevölkerung der Hauptstadt ist zur Geisel geworden. Die meisten Krankenhäuser können mangels Medikamenten keine Operationen mehr vornehmen. Lebensmittel werden knapp. Den Versuch, die zentralen Verteiler-Transformatoren in Tana zu zerstören und damit die Hauptstadt vom Stromnetz abzuschneiden, brachte erst eine Bürgerwehr zum scheitern. Benzin gibt es fast keines mehr, und wenn, dann kostet es mehr als fünf Euro pro Liter - unerschwinglich im bettelarmen Madagaskar. In den von Ratsiraka-treuen Gouverneuren regierten Provinzen herrscht Terror und totale Zensur, damit das Freiheitsfieber nicht auch dort ausbricht. Von Auftragsmorden und Verhaftungen ist die Rede. Für die meisten Europäer und Amerikaner auf Madagaskar - mittlerweile auf der Reisewarnliste des Auswärtigen Amtes geführt - steht fest: Ratsiraka kann nicht mehr mit politischen Mittel bekämpft werden, man hat es mit einem paranoiden Diktator zu tun, der seinem Land schwersten Schaden zufügt. Ein Deutscher sagte der WELT: "Seit wann verhandelt man mit einem Geisterfahrer? Man bringt ihn zum Stoppen und zieht ihn aus dem Verkehr." Auch die Universitätsdozentin Sylvia Brandt fordert im "Namen der deutschen Gemeinde" die Bundesregierung und die EU auf, Marc Ravalomanana und die von ihm ernannte Regierung zu unterstützen "und ihm für seinen Mut und seine Unbeirrbarkeit unsere Hochachtung auszusprechen." Der Einwand, noch
sei Ratsiraka der legitimierte Präsident, sei im Hinblick auf die
Beispiele DDR und Jugoslawien nicht haltbar: sowohl das DDR-Regime als
auch Milosevic seien nach den eigenen Gesetzen "legal" gewesen
- dennoch wurden die Volksaufstände in diesen Ländern anerkannt.
Berlin und Brüssel gratulierten Kostunica zum Wahlsieg, obwohl das
Oberste Gericht in Belgrad das Ergebnis zurückgewiesen hatte. |