FAZ 18.04.2002
Nach der Präsidentenwahl steht Madagaskar am Rand eines Bürgerkrieges / Von Marion Aberle
JOHANNESBURG, 17. April. Der Anblick auf dem Platz des 13. Mai in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo war beeindruckend. Täglich versammelten sich friedliche Demonstranten, bisweilen mehr als eine Million. Sie protestierten gegen das gefälschte Wahlergebnis der Präsidentenwahl am 16. Dezember und für den Oppositionskandidaten Ravalomanana, der das Regime des Autokraten Ratsiraka herausgefordert hatte. Doch nun hat sich eine Flamme der Gewalt entzündet, die zunächst nur schwach loderte und sich jetzt im ganzen Land ausbreitet. Mehr als 30 Personen kamen bereits ums Leben.
Die protestierende Bevölkerung auf den Straßen ignorierte die Entscheidung des mit Ratsiraka-Anhängern besetzten Verfassungsgerichts, welches das Wahlergebnis für gültig erklärte. Die Demonstranten erklärten Ravalomanana zu ihrem Präsidenten. Der Oppositionskandidat ließ sich als Präsident vereidigen, doch auch der alte Präsident blieb.
Zunächst verlief die Entwicklung im Sinne der Anhänger Ravalomananas. Er bildete seine Regierung, einen Ministerpräsidenten und ein Kabinett von achtzehn Ministern, die ohne größere Schwierigkeiten ihren Amtssitz einnehmen konnten. Die Beamten hatten den alten Ministern schon längst die Arbeit verweigert und sie sogar am Zutritt zu ihren Ministerien gehindert. Die neuen Minister ließen die Sicherheitskräfte hingegen ungehindert in die Amtsgebäude gelangen. Nur bei der "Amtsübernahme" des Ministerpräsidenten Sylla kam es zu einem Gewaltausbruch. Etwa 30 000 Menschen begleiteten ihn zu dem Amtssitz, das von Militärs bewacht war. Es kam zu Unruhen, die mit einem Toten und vierzig Verletzten endeten. Sylla sagte, es gebe Anzeichen, daß der alte Ministerpräsident zahlreiche Dokumente vernichtet habe. So sollen die Unterlagen einer Entschuldungsinitiative verbrannt worden sein. Mit dem Geld soll Ratsiraka seinen Wahlkampf finanziert haben.
Madagaskar ist nun zweigeteilt. Ratsiraka hat sich in seine Heimatprovinz zurückgezogen. Von Toamasina aus, der wichtigsten Hafenstadt Madagaskars, versucht er, mit seiner alten Führungsriege die Herrschaft aufrechtzuerhalten. Unklar ist, wie groß der Anteil des Militärs ist, das loyal zu ihm hält. Auch wenn Gerüchte über Waffenlieferungen aus dem Ausland - genannt wird vor allem Algerien - nicht verstummen, so ist die Stärke des Militärs doch begrenzt. Gleichwohl ist Ratsiraka in der Lage, seinem Gegner großen Schaden zuzufügen. Das geschieht vor allem durch Straßenblockaden, mit denen er die Hauptstadt aushungern will. Die Aktionen sollen von seiner Tochter organisiert und finanziert werden, die als macht- und habgierig gilt. Die Folgen sind verheerend. Zunächst schnürten Ratsirakas Anhänger nur die Hauptstraße vom Hafen in Toamasina nach Antananarivo ab. Vor allem das Benzin wurde daraufhin knapp. Mittlerweile gehen die meisten Hauptstadtbewohner zu Fuß. Bezahlte Banden sowie loyale Teile von Armee und Polizei sprengten Brücken auf den Verbindungsstraßen aller Häfen der Insel in die Luft. Nun bleiben auch viele Medikamente und Grundnahrungsmittel aus. Alle Unternehmen, die auf den Export und Import von Gütern angewiesen sind, sind in ihrer Existenz bedroht.Was Ratsiraka in die Luft sprengt, ist mit dem Geld der Geberländer gebaut worden. Diplomaten in Antananarivo, die vergeblich ein Ende der Zerstörungsaktion gefordert hatten, wiesen darauf hin, daß die Hälfte aller Mittel der jüngsten Zeit in Infrastrukturprojekte geflossen sei. Die Zerstörungsaktion mache sechs Jahre an Entwicklung und ausländischen Investitionen zunichte, die 100 000 Arbeitsplätze geschaffen hätten. Die Weltbank schätzt, daß die Auseinandersetzung das Land, das zu den ärmsten der Welt zählt, täglich etwa zwölf Millionen Dollar kostet.
Angriffe auch aus der Protestbewegung
Auch aus der bislang friedlichen Protestbewegung heraus kam es unterdessen zu Angriffen. In der vergangenen Woche wurden mehrere Häuser von Mitgliedern der Regierung Ratsirakas geplündert. Das Haus des Straßenbauministers wurde sogar in Brand gesetzt. Er wird für die Sprengung einer Brücke verantwortlich gemacht. Wie immer bei diesen Vorfällen bleibt die Verantwortung unklar. Ravalomananas Anhänger weisen die Schuld bezahlten Agitatoren des Ratsiraka-Regimes zu. Die Aktion könne aber auch die Folge davon sein, daß es der neuen Regierung immer schwerer fällt, angesichts der dramatischen Lage ihre Anhänger zu zügeln. Ravalomanana hatte wegen der Sprengungen zu mehr Wachsamkeit aufgerufen. Das könnten einige seiner Anhänger weit ausgelegt haben. Die neue Regierung hat daraufhin Gewalt und Plünderungen verurteilt, doch das Feuer lodert weiter.
Zur ideologischen Untermauerung seiner Angriffe greift Ratsiraka auf einen alten Trick afrikanischer Herrscher zurück: Er spielt die ethnische Karte, indem er die Merina gegen die Côtiers - die Küstenbewohner - auszuspielen versucht. Ravalomanana ist ein Merina, Ratsiraka ein Côtier. Das zentrale Hochland um die Hauptstadt Antananarivo ist das Kernland der Merina, der größten ethnischen Gruppe. Deren Königshaus beherrschte in früheren Jahrhunderten die Insel weitgehend. Die Madagassen entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte aus asiatischen und ostafrikanischen Zuwanderern. Die Grenzen zwischen den offiziell 18 ethnischen Gruppen verschwimmen zwar, doch die Merina weisen meist asiatischere Züge auf. Es existiert noch immer ein von der Hautfarbe bestimmtes Kastensystem, das jedoch an Bedeutung verliert. Indem Ratsiraka diese ethnischen Unterschiede wieder zum politischen Thema macht, spielt er mit dem Feuer.
Die beiden Gegner unterscheiden sich weniger durch ihre ethnische Herkunft als durch ihre politische Biographie. Ratsiraka ist ein alter Haudegen, der ursprünglich durch einen Militärputsch an die Macht kam und mit einer kurzen Unterbrechung seit 1975 regiert. Er ist ein Kommunist, der im diktatorischen Stil regierte, bis er sich nach dem Ende des Kalten Krieges unter dem Druck der neuen Machtverhältnisse wie so viele andere afrikanische Herrscher zur Marktwirtschaft bekehren ließ und sich ein demokratisches Mäntelchen umhängte. Ravalomanana ist die madagassische Version der Geschichte "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Als Kind armer Eltern verkaufte er Joghurt auf den Straßen. Nun ist er einer der erfolgreichsten Unternehmer Madagaskars, der Milchprodukte und Getränke herstellt. Als Bürgermeister von Antananarivo wurde er schnell populär, mit einem amerikanisch geführten Wahlkampf konnte er auch außerhalb der Hauptstadt Unterstützung bei den Wählern finden, die von dem abgewirtschafteten Ratsiraka-Regime genug hatten. Ravalomanana hat nun auch von juristische Unterstützung bekommen. Das Verwaltungsgericht entschied in der vergangenen Woche, daß Ratsirakas Ernennungen von sechs Mitgliedern für das Verfassungsgericht in mehreren Punkten nicht verfassungskonform verliefen. Dieses Urteil stellt die Legitimität des Verfassungsgerichts in Frage und damit auch dessen Entscheidung, das Wahlergebnis für gültig zu erklären.
In der aufgeheizten Atmosphäre gehen solche juristischen Feinheiten unter. Die Auseinandersetzungen in Antananarivo greifen auf das ganze Land über. Insgesamt sollen seit Beginn der Konfrontation 35 Menschen umgekommen sein. Vor allem in Fianarantsoa, der zweitgrößten Stadt Madagaskars, kommt es immer wieder zu Zusammenstößen. Am Wochenende stürmten Oppositionsanhänger den Gouverneurspalast. Fünf der sechs Provinzgouverneure haben sich geweigert, den Platz für Ravalomananas Leute zu räumen. Auch während eines neuen Vermittlungsversuchs der Organisation für Afrikanische Einheit am Dienstag und Mittwoch kam es wieder zu Gewalt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP wurde ein regierungstreuer General erschossen. Die Flamme der Gewalt wird vermutlich noch lange nicht erlöschen.