Der Weg ins wirtschaftliche Chaos

Der Bund 10.04.2002

MADAGASKAR / Der Streit um den Sieg bei den Wahlen vom letzten Dezember zwischen dem bisherigen Amtsinhaber Didier Ratsiraka und dem selbst gekürten Sieger Marc Ravalomanana droht den Inselstaat ins völlige wirtschaftliche Chaos zu stürzen.

• FRANK RÄTHER, JOHANNESBURG

Anhänger von Ratsiraka haben drei Brücken gesprengt, so dass keine Güter mehr vom Hafen Toamasina in die Hauptstadt Antananarivo gelangen können. Eine weitere Brücke wurde von Fallschirmjägern, die auf Seiten von Ratsiraka stehen, mit einem Container und Stacheldraht verbarrikadiert und bewacht. Auch die Raffinerie in der Hafenstadt liefert kein Benzin und Diesel mehr ins Landesinnere. Damit ist Herausforderer Ravalomanana in der Hauptstadt regelrecht eingekesselt. Die meisten Betriebe in Antananarivo stehen jetzt still und vor dem Bankrott.

Lage verschärft sich täglich

Die gravierende Situation hat ihren Ursprung in den Präsidentschaftswahlen vom Dezember. Ravalomanana anerkennt das Ergebnis nicht, weil es seiner Ansicht nach gefälscht ist. Er beharrt darauf, mehr als die erforderlichen 50 Prozent der Stimmen bekommen zu haben, und lehnt den vom obersten Gericht angeordneten zweiten Wahlgang ab. Im Februar ernannte er sich vor fast einer Million Anhängern in der Hauptstadt zum Präsidenten. Der bisherige Staatschef Ratsiraka hatte sich in das Küstengebiet zurückgezogen und sein Hauptquartier in Tamatave errichtet. Seitdem ist Madagaskar praktisch zweigeteilt: Der eine kontrolliert die Hauptstadt, der andere weitgehend den Rest des Landes.

Waren die Demonstrationen zugunsten von Ravalomanana am Anfang friedlich verlaufen, verschärft sich nun die Situation zunehmend. Am Montag eröffneten Soldaten in Antananarivo das Feuer auf Demonstranten, die das Haus eines Ratsiraka-Beraters stürmen wollten, nachdem am Wochenende schon mehrere andere Häuser von Ratsiraka-Politikern besetzt und geplündert worden waren. Ein Mann wurde erschossen, zwei weitere verwundet. In der zweitgrössten Stadt Fianarantsoa und anderen Orten wiederum wurden Anhänger von Ravalomanana getötet. Die Gewalt eskaliert. Ravalomanana erklärte bereits, Madagaskar befinde sich «im Kriegszustand».

Die Krise verschärft sich durch die Starrköpfigkeit der beiden Machtrivalen jetzt zusehends. Zwei Fünftel der Parlamentsabgeordneten stehen hinter dem neuen starken Mann, drei Fünftel hinter dem alten. In der Hauptstadt gibt es als Folge der Blockade Benzin nur noch auf dem Schwarzmarkt - für vier Dollar pro Liter. Mittlerweile sind wegen der Krise 20'000 Arbeitsplätze verloren gegangen, 80'000 weitere sind in Gefahr.

Hohe wirtschaftliche Verluste

Aber auch an der Küste sieht es nicht besser aus. Gemüse, Zucker und andere Dinge, die bisher aus Antananarivo geliefert wurden, kommen nicht durch die Blockade. Die Hotels und Restaurants sind verwaist. Die Weltbank spricht von täglichen Verlusten in Höhe von zwölf Millionen Dollar - für eines der ärmsten Länder ist das nicht nur viel, sondern zu viel. Eine Verständigung ist aber nicht in Sicht. Beide wollen die Situation aussitzen - auf Kosten der Bevölkerung. Westliche Botschafter versuchen, andere Kräfte zu beeinflussen, damit sie ihren Einfluss geltend machen und eine dritte Kraft aufbauen. Bislang jedoch ohne Erfolg.