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Frankfurter Allgemeine Zeitung 30. April 2002 - (Geisteswissenschaften) Widerstand gegen die CouchAufgehalten vom lokalen Wissen: Die langsamen Fortschritte der Ethnopsychiatrie in Afrika Für die Psychoanalyse war Afrika zunächst nur eine Metapher. Der "dunkle Kontinent" (Sigmund Freud) bezeichnete das Unbewußte, das es zu entdecken galt, und für den Begründer der Psychoanalyse war die Welt der Primitiven nur eine "weitere Bühne" für die Erforschung des seelischen Geschehens. So universal die Psychoanalyse angelegt war, so wenig taugten ihre Techniken für die Anwendung in fremden Kulturen. Einen Kollegen, der sich mit der Behandlung eines Slowenen abplagte, beschied Freud: "Unsere analytische Kunst versagt bei solchen Leuten, auch unsere Einsicht vermag die bei ihnen herrschenden dynamischen Verhältnisse noch nicht zu durchschauen." Wenn die habsburgischen Randgebiete Terra incognita blieben, wie fremd mußte die westliche Seelenkunde erst in den Kolonien wirken? In Nord- und Südamerika konnte die Psychoanalyse noch heimisch werden, freilich eingegliedert in das etablierte Medizinsystem; in anderen Kontinenten und in den afrikanischen Kolonien konnten europäische Militärärzte und Psychiater die Psychoanalyse nur marginal ansiedeln. Zu nennen sind Octave Mannoni für Madagaskar, René Laforgue für Marokko und vor allem Henri Collomb, der Anfang der sechziger Jahre am allgemeinen Krankenhaus Fann in Dakar (Senegal) eine psychiatrische Abteilung einrichtete und die Fachzeitschrift "Psychopathologie africaine" ins Leben rief. Auf dem "Ersten Panafrikanischen Kongreß zur seelischen Gesundheit" in Dakar, an dem 150 Psychologen und Therapeuten, überwiegend aus dem frankophonen Afrika, teilnahmen, wurden "besser angepaßte und von den afrikanischen Bevölkerungen angenommene, weil für ihre Kulturen akzeptable Interventionen" gefordert. Als einen Schritt auf diesem Wege sah man bemerkenswerterweise die wissenschaftshistorische Aufarbeitung an. Seelische Krankheiten in den Kolonien galten lange als Begleiterscheinung der Tropenkrankheiten von Europäern, deren durch Klima und Hitze bedingte Verwirrungen man nach den Orten ihres Auftretens "Biskrite" oder "Soudanité" taufte. "Unerklärlichen Verhaltensweisen der Eingeborenen" widmete man sich weniger oder maß sie gnadenlos an europäischer "Normalität". Bis heute sind die Psychoanalyse und andere gesprächszentrierte Therapien in Afrika kaum nachweisbar - als Faustregel galt eben, daß "solche Leute" sich weder analysieren lassen noch als Therapeuten tätig werden könnten. Gleichwohl haben Europäer vom afrikanischen Außenposten aus Wichtiges zur Theorie beigetragen: Wulf Sachs publizierte 1937 "Black Hamlet. The Mind of an African Negro Revealed by Psychoanalysis", Marie-Cecile und Edmond Ortigues "Schwarzer Ödipus" (1966), ein reißerischer, vom Verleger gewählter Titel. Die Abwesenheit der Psychoanalyse in Afrika und der Dritten Welt ist mehr als ein berufsständisches Problem für eine Therapiemethode, die unterdessen ja weltweit auf dem Prüfstand steht. Sie ist ein Testfall für die Universalität einer Kultur- und Gesellschaftstheorie, die im Fall der Psychoanalyse vor hundert Jahren in einem sehr speziellen Kontext begründet wurde - an der Grenze zwischen Ost und West und im Milieu assimilierter jüdischer Gelehrter, die in Wien, Berlin oder Budapest selbst in der Minderheit waren. Zur Öffnung trug wesentlich die Ethnopsychoanalyse bei, die sich vornehmlich auf afrikanische Erfahrungen stützte und einerseits den Anschluß an das dortige, lokale Wissen über seelische Krankheit und Heilung suchte, andererseits die Psychoanalyse als Forschungsmethode einsetzte. Auf dem Weg dahin waren Revisionen nötig. Selbstkritische Ethnologen korrigierten Fehleinschätzungen über die "primitiven Völker", in der Kolonialmedizin tätige Psychiater übten Kritik an deren politischem Kontext, allen voran der aus Martinique stammende und in Algerien tätige Frantz Fanon. Die Politisierung war ein unerläßlicher Schritt zur Anerkennung des kolonialen Untertans als Subjekt. Nicht "der Afrikaner" war verrückt, sondern das Kolonialverhältnis. Von großer Bedeutung war der Beitrag der Zürcher Psychoanalytiker Paul Parin, Goldy Parin-Matthèy und Fritz Morgenthaler, die mit Pionierstudien über die Dogon (Mali) und die Agni (Elfenbeinküste) wichtige Impulse für die Psychoanalyse und die Kulturwissenschaften gaben. Die Entkolonisierung erlaubte ein eigenständiges Gesundheitswesen in Afrika, das zwei für die seelische Gesundung wesentliche Elemente berücksichtigte: die religiöse Bindung der meisten Patienten und ihre Einbettung in größere soziale Gruppen. Das abendländische Verständnis von Individuum und Subjekt, von Person und Rolle muß in diesem Kontext neu gedacht werden, ebenso aber die Rolle der von der Schulmedizin als Scharlatane verdammten "Traditherapeuten". Wie die Pendelbewegung des Wissens zwischen Süden und Norden mittlerweile verläuft, zeigt der Erfahrungsbericht von Andrew Solomon ("Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depressionen", 2002), der sich bei den Lebou im Senegal dem zeremoniellen Initiationsritus "N'Doep" unterwarf und dabei die Heilkraft des Kollektivs kennenlernte. Ethnopsychoanalyse ist der Versuch, eine im westlichen Denken verwurzelte Kulturtheorie auf außereuropäische Regionen zu übertragen und - das ist der Clou dieses Transfers - sie dann mit Gewinn auf die "eigene" Kultur anzuwenden. Das beobachtende Subjekt ist als Teil der Beobachtung aufzufassen, und damit verwandelt sich, was meist aus Abenteuerlust und Neugier am Fremden begann, in Ethno-Psychoanalyse. Damit machte, wie Mario Erdheim gezeigt hat, die Psychoanalyse eine produktive Verfremdung durch. Bei einem von Johannes Reichmayr (Klagenfurt) organisierten Kolloquium auf der vor Dakar gelegenen Île Gorée wurde deutlich, wie stark Theorie und "Setting" der Psychoanalyse in Afrika zu modifizieren sind - von der Begrüßung des Patienten und der Eröffnung der Therapie bis zur angemessenen Sitzordnung und zum Modus der Bezahlung. Niemand, meinte Ari Gouningbé (Benin), würde von sich aus auf die Idee kommen, sich therapieren zu lassen, man wird überwiesen oder eingewiesen. Unüblich ist die für die Psychoanalyse typische Zweierkonstellation, bestätigte Emmanuel Habimana, der aus Ruanda stammende und in Québec/Kanada praktizierende Therapeut: "In Afrika sitzt man sich höchstens des Nachts bei Vollmond gegenüber, um sich vertrauensvoll auszutauschen." Widerstand gegen die Couch sei ebenso bei afroamerikanischen Patienten in Nordamerika anzutreffen. Man müsse traditionelle und religiöse Heilverfahren einbeziehen, da neun von zehn Patienten einen "guérisseur" aufsuchen wie den in Westafrika berühmten Daouda Seck. Handelt es sich, wenn solche Anleihen gemacht werden, überhaupt noch um Psychoanalyse? Johannes Reichmayr hält das Freudsche Erbe für flexibel genug, eine "afrikanische Kur" auszuhalten, und plädiert dafür, diese für die Analyse der eigenen Kultur und die Behandlung hiesiger seelischer Krankheiten zu nutzen. Unsinnig wäre es freilich, im umgekehrten Pendelausschlag nunmehr das lokale Wissen überzubewerten oder es gar zu verklären. Auf die Vorsilbe "Ethno" reagiert der lange in Dakar tätige René Collignon (Paris) eher allergisch. Der Herausgeber der "Psychopathologie africaine" sieht darin eine gefährliche Relativierung universaler Standards. Als abschreckendes Beispiel gilt ihm das Wirken "ethnopsychiatrischer" Gutachter bei einem jüngst zu Ende gegangenen Prozeß in Paris. Einwanderer aus Mali, die ihre Töchter beschneiden ließen, wurden zu einer milden Bewährungsstrafe verurteilt, nachdem sie die Genitalverstümmelung, gestützt auf solche Gutachter, mit Berufung auf ihre heimischen Riten und Gebräuche verteidigten. Lokales Wissen darf nicht sakrosankt sein. Insgesamt ist der Zustand der Psychiatrie in Afrika alles andere als idyllisch, in den Kliniken herrschen inhumane, rein medikamentöse oder mit Elektroschocks vorgehende Behandlungsformen vor, Geisteskranke werden diskriminiert und ausgestoßen. Auch gibt es neue alte Probleme: In dem Maße, wie Afrika von ethnischen und religiösen Konflikten in Mitleidenschaft gezogen wird, wird die Behandlung von Kriegsfolgen und Traumata vordringlich. Das erinnert an die Anfänge der Psychoanalyse, die sich im Ersten Weltkrieg mit dem Schicksal traumatisierter Soldaten auseinanderzusetzen hatte. Auch die erste Arbeit des Afrika-Pioniers Paul Parin über die "Kriegsneurose der Jugoslawen" (1948) handelte davon. ELKE MÜHLLEITNER |